Reisende Elektrisierer – Elektrizität, Unterhaltung und die Konstruktion von Wissenschaftlichkeit

Auch hier bietet sich in besonderem Maße an, die Frage der Wissenschaftlichkeit auf aktuelle Beispiele zu transferieren (Wissenschaftsshows, Scharlatanerie, Pseudowissenschaften) und vielleicht sogar in eigenen Produkten vorzustellen.

1. Titel und Stichworte

Reisende Elektrisierer – Elektrizität, Unterhaltung und die Konstruktion von Wissenschaftlichkeit

(Episode 5 der Serie: Historisch-Genetische Einführung in die Elektrizität)

Statische Elektrizität, Lichtenberg, Berschitz, Elektrisierer, Vorführungen, Wissenschaftlichkeit, scientific community, Kontroverse

2. Autor(en) und Institution(en)

Andreas Henke, University of Bremen / Germany
Dietmar Höttecke, University of Hamburg / Germany

3. Kurzfassung

Diese Fallstudie über die öffentlichen Vorführungen reisender Schausteller im 18ten Jahrhundert ist die fünfte in einer Reihe über die Geschichte der Elektrizität. Anhand dieses wichtigen Abschnitts in der Geschichte der Elektrizität können die SuS die Prozesse nachstellen, anhand derer sich zu dieser Zeit die Elektrizitätswissenschaft als Profession von "unwissenschaftlichen" Berufsfeldern wie Amateurwissenschaftler, Schausteller (Elektrisierer) und Instrumentenbauer abgrenzte. Umfangreiches Material, Experimente und kreative Methoden wie Kurzaufführungen, Standbilder oder Briefwechsel ermöglichen den SuS, die Eigenschaften und Beziehungen von zwei Hauptakteuren dieser Zeit nachzuempfinden - dem Wissenschaftler und Universitätsprofessor Georg Christoph Lichtenberg und dem berühmten Martin Berschitz, Vorführer von spektakulären elektrischen Vorführungen.
Diese Fallstudie konzentriert sich vermehrt auf die Vermittlung naturwissenschaftlicher Grundbildung als Wissen ÜBER Naturwissenschaft und den Forschungsbetrieb selbst. An vielen Stellen ist das Einbetten von Gelegenheiten zum fachlichen Lernen und durchführen/präsentieren von Demonstrations- oder Schülerexperimenten möglich und vorgesehen.
Sie vermittelt Einblicke in die soziale Organisation von Wissenschaft (scientific communities, Zeitschriften, peer-review) und ihre Methoden zur Abgrenzung nach außen.
Sie stellt Wissenschaftler selbst als Menschen mit nachvollziehbaren Motiven und manchmal problematischen Reaktionen dar.
Sie zeigt auch, dass das Konzept von Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit kein gottgegebenes ist, sondern sich immer durch Aushandlungs- und Abgrenzungsprozesse erneuern muss.
Hier bietet sich in besonderem Maße an, die Frage der Wissenschaftlichkeit auf aktuelle Beispiele zu übertragen (Wissenschaftsshows, Scharlatanerie, Pseudowissenschaften) und vielleicht sogar in eigenen Produkten vorzustellen.
Im Zusammenhang mit der Epoche der Aufklärung und den "Idealen der Aufklärung" ist auch ein fächerübergreifender Unterricht mit dem Fach Geschichte denkbar.

4. Beschreibung und Ablaufvorschlag

Diese Episode kann auf vielfältige Weise in den naturwissenschaftlichen Unterricht eingebunden werden. Im Abschnitt 7.2 werden verschiedene Ideen der methodischen Umsetzung dieser Fallstudie gegeben, die sich nicht nur auf den naturwissenschaftlichen Fachunterricht begrenzen müssen. SchülerInnen können hier die Rollen von ehemaligen Wissenschaftlern und Elektrisierern einnehmen, um die bereits bekannten Phänomene und Konzepte der Elektrizität verschiedenen Typen von Publikum näher zu bringen. Dabei findet eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Fachinhalten in einem motivierenden Setting statt. Der Raum für die Behandlung von Fachinhalten kann nach belieben gestaltet werden - SchülerInnen in der Rolle von Wissenschaftlern sollten einen Schwerpunkt auf eine fachlich richtige und verständliche Präsentation legen wohingegen bei den Elektrisieren eher der Showaspekt und die Darstellerischen Fähigkeiten und Interessen im Vordergrund stehen.
Zudem erfordert die Erarbeitung der Rollen eine Auseinandersetzung mit den Eigenarten von Wissenschaftler und Elektrisierern und mit exemplarischen Stationen der Kontroverse um Wissenschaftlichkeit physikalischer Vorführungen und Vorführern. Verschiedene Aufsehen erregende Experimente sind in Abschnitt 7.1 dargestellt. Sie können in den Ablauf der Fallstudie eingebracht werden. Umfangreiches Bild und Textmaterial (Abschnitt 5.1.1-5.1.3) in Verbindung mit Vorschlägen für die methodische Ausgestaltung des Unterrichts bieten Raum, die Erarbeitung nach den Wünschen und Fähigkeiten der SchülerInnen zu gestalten.


Einige Eindrücke...

electrified puppet  headthe electrified bed - medicinal electricitythe electrical kiss (electric venus)shocks against toothache - medicinal  electricity
electrical cannonGeorg Christoph Lichtenbergein elektrisierer bitete kleine elektrische  schläge feilthe flying boy  experiment


ignition through electricity


5. Hintergründe

5.1 Geschichtliches

Man muss wissen, dass der Anfang des 18. Jahrhundert gekennzeichnet war vor einem starken Interesse an elektrischen Phänomenen. Dies galt sowohl für die Gelehrten und Forscher als auch für „gemeinen“ Bevölkerungsschichten, wobei sich diese scharfe Trennung in der Realität häufig nicht durchführen ließ: Zu jener Zeit wurde Forschung oft unter den Gesichtspunkten Hobby, Nebenverdienst oder Prestige durchgeführt. Die Vorstellung einer scientific community mit (relativ) klaren Regeln für den Erkenntnisgewinn und einem kohärenten, idealtypischen Bild des Wissenschaftlers, welches deren Mitglieder anzustreben bemüht sind, existierte noch nicht. Ganz zu schweigen von einem diesbezüglichen Berufsstand. Die Hauptpersonen dieser Zeit (~1740-1800) sind die umherziehenden Demonstratoren (Elektrisierer), ortsansässige Instrumentenbauer, Amateurwissenschaftler und Professoren. Vor dieser Zeit verdingten sich Experimentalphysiker als Festangestellte von Kaisern, Königen oder Landesfürsten mit repräsentativen Vorführungen.
Wer wo auftritt und wieer sich dabei benimmt, wird bestimmt von seinen finanziellen Möglichkeiten, seinem Ansehen und den sozialen Gepflogenheiten seiner Zielgruppe. Die Eigenart öffentlicher Wissenschaft, derart viele Gesichter zu haben, wurde mit steigendem Nachdruck von Gelehrten und Mitgliedern wissenschaftlicher Gesellschaften instrumentalisiert, die durch Abgrenzung ihr Profil als Wissenschaftler zu schärfen suchten.
Mit der Elektrizität als Modewissenschaft traten nun ganz eigentümliche Persönlichkeiten auf den Plan, die es möglich machten, die Legitimation und das Selbstverständnis der Wissenschaft durch Abgrenzung zu schärfen. Zu diesen Persönlichkeiten - den „anderen Praktikern der Naturkunde“ - gehören hauptsächlich die herumreisenden Elektrisierer, die als wissenschaftliche Schausteller davon lebten, dass sie auf Marktplätzen, bei Festen und in Vorlesungssälen ihre Zuschauer durch das Vorführen elektrischer Phänomene in den Bann zu ziehen versuchten.
Die o. g. Abgrenzung, meist vorangetrieben von Professoren oder Mitgliedern wissenschaftlicher Akademien, erforderte notwendigerweise eine differenzierte Darlegung der Eigenheiten ihrer „Kollegen von der Landstraße“ oder „Taschenspieler“, die es als „echter Wissenschaftler“ zu verachten und zu meiden galt.
Dazu schreibt Hochadel in [1]:
Welche Eigenschaften und Fähigkeiten werden ihm [dem Wissenschaftler] zugeschrieben, die er anderen Praktikern der Naturkunde voraus hat? […] Welche Verhaltensweisen und Eigenarten disqualifizieren einen Praktiker als Wissenschaftler? […]
Dass die Elektrisierer als Negativmodell in den Augen der Wissenschaftler relativ schlecht abschneiden, sollte bei der Durchführung der Fallstudie thematisiert und kritisiert werden.

Um einen Eindruck zu geben von den spektakulärsten Versuchen, wie sie zum Beispiel von Martin Berschitz dargeboten wurden:
Er führte Explosionsversuche vor, auch unter Wasser – Schwarzpulver wird unter Wasser mittels eines elektrischen Funkens gezündet. Berschitz soll bei einer Großvorführung ein speziell dafür hergerichtetes Segelboot gesprengt und versenkt haben. Um die Gefährlichkeit von Blitzen zu zeigen, hat er Modelle von Häusern oder Pulvertürmen durch Funken in Brand gesetzt. Die elektrische Kanone, ein beliebtes Spielzeug in dem eine Knallgasmischung durch einen Funken gezündet wird und eine Kugel oder einen Korken abfeuert, konnte Berschitz allerdings nie vorzeigen, da er nicht die Gerätschaften und vor allem nicht die Kenntnisse zur Herstellung von Wasserstoff hatte. Viele Male bat er Lichtenberg, ihn zu instruieren, welcher sich jedoch nicht erweichen ließ. Zum Ablauf und Erfolg seiner Vorführungen in Kassel im Beisein des Landesfürsten s. Quelle 2.

5.1.1 G. C. Lichtenberg

Georg Christoph Lichtenberg, geboren 1742 bei Darmstadt, war das 17. Kind des Pfarrers Johann Conrad Lichtenberg. Aufgrund eines Sturzes als Kleinkind litt Lichtenberg sein ganzes Leben an einer zunehmenden Wirbelsäulenverkrümmung. Dadurch zeichnete ihn ein ausgeprägter Buckel und eine geringe Körpergröße. Später sollte ihm diese Krankheit auch das Atmen immer mehr erschweren. Er erhielt bis zum zehnten Lebensjahr Privatunterricht in seinem Elternhaus. Die nachfolgende Schule schloss er 1761 ab, von Mai 1763 bis 1766 studierte er Mathematik, Naturgeschichte und Astronomie an der Universität Göttingen. Bis 1774 führte er astronomische Beobachtungen am Observatorium in Göttingen durch.
Lichtenberg wurde schon 1770 Professor für Physik, Mathematik und Astronomie an der Universität Göttingen, doch erst ab 1776 hielt er regelmäßig Vorlesungen. Auf seinen Reisen in den dazwischenliegenden Jahren lernte er Mitreisende von James Cooks Weltumsegelung kennen und machte Bekanntschaft mit bedeutenden Wissenschaftlern wie James Watt und Joseph Priestley. 1793 wurde er zum Mitglied der Royal Society in London ernannt.
Lichtenberg befasste sich mit naturwissenschaftlichen Themen aller Art, unter anderem mit der Geodäsie, Meteorologie, Astronomie und Chemie. Er starb am 24. Februar 1799 in Göttingen.

Als Lehrender rückten ihn seine mit praktischen Vorführungen durchzogenen Vorlesungen durchaus in die Nähe der Elektrisierer, so dass er sich immer wieder genötigt sah, seine ausgewogene Einstellung dazu zu rechtfertigen:
„In Collegiis [Vorlesungen] über die Experimentalphysik muss man etwas spielen; der schläfrige wird dadurch erweckt und der wachende sieht Spielereien als Gelegenheit an, die Sache unter einem neuen Gesichtspunkt zu betrachten“


Als Forscher führte er – Benjamin Franklin folgend - in der Elektrizitätslehre die Begriffe positiv und negativ elektrisch ein – auf ihn geht unsere heutige Modellvorstellung von positiven und negativen Ladungen zurück.
Er entwickelte den sog. Elektrophor, eine armierte Harzplatte, die als Influenzmaschine sehr hohe Spannungen erzeugen konnte. 1777 entdeckte er in dem Staub auf der Platte sternförmige Muster, die noch heute als Lichtenberg-Figuren bezeichnet werden. Mittels dieser Figuren, die in zwei verschiedenen Ausprägungen auftraten, stützte er die Annahme zweier unterschiedlicher Elektrizitäten. Er führte als erster den von Benjamin Franklin erfundenen Blitzableiter in Göttingen und als einer der ersten in Deutschland ein, indem er 1780 und 1794 seine Gartenhäuser mit einem solchen "Furchtableiter" - wie er ihn nannte - versah.

Über seine naturwissenschaftlichen Entdeckungen hinaus ist Georg Christoph Lichtenberg durch seine von Autoritäten unabhängige, kritisch-analytische Denkweise und die Betonung des Experiments in der Physik einer der wichtigsten Begründer einer modernen naturwissenschaftlichen Methodik:
Je mehr sich bei Erforschung der Natur die Erfahrungen und Versuche häufen, desto schwankender werden die Theorien. Es ist aber immer gut sie nicht gleich deswegen aufzugeben. Denn jede Hypothese, die gut war, dient wenigstens die Erscheinungen bis auf ihre Zeit gehörig zusammen zu denken und zu behalten. Man sollte die widersprechenden Erfahrungen besonders niederlegen, bis sie sich hinlänglich angehäuft haben um es der Mühe wert zu machen ein neues Gebäude aufzuführen.

Als Schriftsteller
hat Lichtenberg ab 1764 in kleinen Heftchen (den sog. „Sudelbüchern“) viele sarkastische Spitzen, spontane Einfälle und naturwissenschaftliche Feststellungen notiert.
Einige Beispiele:
"Dass in den Kirchen gepredigt wird, macht deswegen die Blitzableiter auf ihnen nicht unnötig."
"Nichts setzt dem Fortgang der Wissenschaft mehr Hindernis entgegen, als wenn man zu wissen glaubt, was man noch nicht weiß."
"Ich glaube, dass es, im strengsten Verstand, für den Menschen nur eine einzige Wissenschaft gibt, und diese ist reine Mathematik. Hierzu bedürfen wir nichts weiter als unseren Geist."
"Die Neigung der Menschen, kleine Dinge für wichtig zu halten, hat sehr viel Großes hervorgebracht."
"Seltsam, dass die Menschen so gern für ihre Religion fechten und so ungern nach ihren Vorschriften leben."
"Von dem Ruhm der berühmtesten Menschen gehört immer etwas der Blödsinnigkeit der Bewunderer zu."


5.1.2 Martin Berschitz

Zu Martin Berschitz Lebensdaten ist nicht viel bekannt, außer, dass er wohl vor 1750 in Wien geboren ist und nach 1800 dort verstarb. Seine Karriere begann als ungelernter Assistent („Handlanger“, wie Lichtenberg schreibt) bei elektrischen Vorführungen am Wiener Kaiserhof. Zur Ruhe setzte er sich per öffentlicher Zeitungsannonce im Jahr 1800, bot aber weiterhin den Großteil seiner Dienste an, wie sie auch von seinen Reisen bekannt sind – Verkauf und Reparatur von elektrischen Apparaturen oder medizinisch-elektrische Kuren.

Er ist eine der bekanntesten Figuren unter den Elektrisierern, vor allem auch aufgrund seiner spektakulären und innovativen Vorführungen, denen (aber nur unter diesem Aspekt) auch Lichtenberg Anerkennung zollt.
Berschitz Begegnung und dauernde Bekanntschaft mit Lichtenberg gereicht ihm nicht immer zum Vorteil, auch wenn er von Lichtenbergs Kenntnissen profitiert und dieser ihn anfangs noch bereitwillig unterrichtet. Lichtenberg schreibt:
„alle seine Experimente waren vorhin längst von mir gemacht“
Im Laufe der Zeit erscheint Berschitz Lichtenberg jedoch zu selbstgefällig, pompös und unehrlich im Auftreten (s. „Ehrlichkeit“) und so hört er bald auf, Berschitz’ Anfragen zu beantworten. Außerdem rät er der Stadt Hannover, sich mit der Anbringung von Berschitz’ Bitzableitern nicht lächerlich zu machen. Auch Berschitz selbst hatte diese Taktik zuvor bei seinem Konkurrenten im Blitzableiterverkauf angewendet (s. „Zusammenarbeit“).

5.1.3 Die Abgrenzung der Wissenschaft von den Amateuren und Praktikern - Wissenschaft gegen Nicht-Wissenschaft

Es lassen sich viele Bereiche ausmachen, in denen sich Forscher und Praktiker/Amateure/Elektrisierer unterscheiden. Hier folgt eine Aufzählung von Merkmalen, die die Forscher für die Abgrenzung benutzten und welche Tätigkeiten die Trennung vorangetrieben haben.

Methoden der aktiven Abgrenzung der Wissenschaft gegen Laien, Amateure und Scharlatane
  • Fähigkeiten anzweifeln
  • Wichtige Aufgaben (bspw. Blitzableiter) sind nur für Experten
  • Verspotten
    „Physikanten“ „Taschenspieler“ „Scharlatane“ „Windbeutel“ „Vagabunden“
  • Negative Eigenschaften zuschreiben
    raffgierig, heuchlerisch, unehrlich, faul, ungebildet, unkreativ, wichtigtuerisch
  • Auftritte verhindern
    gefälschte Ankündigungszettel, Anschwärzen bei der Stadtverwaltung
  • Zusammenarbeit verweigern
    keine Unterstützung für Elektrisierer
  • Wissenschaftliche Gesellschaften
    • Prüfung der Kandidaten vor Aufnahme in Gesellschaft (Kriterien s.u.)
    • Prüfung der eingereichten Artikel und Bücher (spektakulär reicht nicht)
    • Verzeichnisse „vornehmer“ Werke
    • Schlechte Rezensionen für „unbedeutende“ Werke
Mögliche Kriterien der Abgrenzung nach innen und außen
  • Titel, Grade, Empfehlungen, Bekanntheit
  • Ausbildung und Dauer der Betätigung als Forscher
  • Theoriewissen (handwerkliches Geschick reicht nicht)
  • Seßhaftigkeit (keine umherziehenden Vorführer)
  • Vortragsorte
  • Publikum
  • Vortragsstil / Auftreten
  • Ehrlichkeit
  • Aufgeklärtheit (keine Magie o.ä.)
  • Offenheit (keine Geheimnistuerei über Instrumente und Forschung)
  • Nutzen für Allgemeinheit (nicht nur Belustigung, sondern auch praktischer Nutzen!)
  • Neue Erkenntnisse über die Natur
Der ideale Wissenschaftler
Weitere Eigenschaften tauchen immer wieder bei der Beschreibung des idealen Wissenschaftlers auf.
Für Elektrisierer muss diese Liste wie eine Beleidigung aussehen, denn zu all diesem soll er nicht fähig sein.

  • er hat eine gute Beobachtungsgabe
  • er hat eine schnelle Auffassung
  • er hat den Blick für das Ganze
  • er ist beharrlich
  • er lässt sich nicht leicht frustrieren
  • er tritt ruhig und zurückhaltend auf
Die Wissenschaftspolizei
Um sich von all den Praktiker abzugrenzen, die nicht die Kriterien für Wissenschaftlichkeit erfüllen werden diejenigen, die sich für die echten Wissenschaftler halten, recht schnell aktiv:

  • Wissenschaftler wie Lichtenberg raten von der Verwendung der verkauften Blitzableiter ab, weil der Sachverstand fehlt:
    „Solche Personen können nicht den Auftrag übernehmen, öffentliche Gebäude und Pulvermagazine zu schützen. Man sollte stattdessen diejenigen zu Rate ziehen, welche sich die Elektrizität zu ihrem besonderen Studium gemacht haben.“ (also „echte“ Wissenschaftler)
  • Lichtenberg spottet häufig über die Elektrisierer:
    Sie sind „herumstreifende Physiker, die man nach der Analogie des Worts Musikanten, Physikanten nennen sollte“
  • Als die Wissenschaftler ihren Ruf durch die Elektrisierer bedroht sehen, wenden sie auch schon mal Tricks an:
    Lichtenberg hängt gefälschte Ankündigungszettel für Elektrisierer auf. Diese versprechen absolut unglaubliche Kunststücke (zum Beispiel das Abtrennen von Köpfen und ein wieder Anfügen mit Hilfe von Elektrizität). Die Elektrisierer, die auf diese Weise lächerlich gemacht wurden, konnten nun in dieser Stadt nicht mehr auftreten.
  • Forscher schließen sich in wissenschaftlichen Gesellschaften zusammen – um dort Mitglied zu werden, bedarf es zuerst der Empfehlung von Kollegen und danach der Zustimmung der Vorsitzenden der Gesellschaft.
  • Die Amateurwissenschaftler und Elektrisierer fühlen sich ausgeschlossen und missachtet von den überheblichen Wissenschaftlern:
    „Überall fand ich Unglauben an meinem Berufe zu dieser Sache, der sich, je gelehrter und kenntnisreicher die Männer waren, immer mehr als unfreundlicher Widerwille äußerte“
  • Die Mitglieder der wissenschaftlichen Gesellschaften setzen die Standards für ihre Zeitschriften immer höher und drucken keine Artikel von „geringer Wichtigkeit“. Artikel über besonders spektakuläre Versuche, die darüber hinaus keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse beitragen, werden abgelehnt („wer nach Amüsement sucht, wird hier nichts finden“).
  • Als Erleichterung bei der Suche nach wichtigen Artikeln und Büchern werden Listen veröffentlicht, wie das „Verzeichnis der vornehmsten Schriften von der Elektrizität“.
    Als Autor wollte man auch nicht mit der Empfehlung eines unwissenschaftlichen Werks in Verbindung gebracht werden, und sei es auf Kosten der Freundschaft:
    „Er hatte nicht einmal die Freundlichkeit, ungeachtet unseres so guten Verhältnisses, meine Beiträge in der letzten Ausgabe seines Verzeichnisses zu erwähnen
  • In anderen Büchern oder Zeitschriften erschienene Beiträge von Amateurwissenschaftlern oder Elektrisierern werden gnadenlos heruntergemacht. Der Grund:
    „Auch wenn sie nichts als elendstes Geschwätz sind, muss man doch über sie (die Artikel) schreiben und vor ihnen warnen, da sie an die grosse Welt gerichtet sind und viel Schaden anrichten können“.
    Der Pfarrer und elektrische Autodidakt Gottlieb Christoph Bohnenberger beispielsweise muss den Druck und Verkauf seiner Zeitschrift „Beyträge zur theoretischen und praktischen Elektrizitätslehre“ wegen zu geringem Interesse aufgeben, nachdem er schlechte Rezensionen bekam wegen fehlender Theorie und geringer Bedeutung der abgedruckten Artikel. Die Rezensionen werden meist (anonym) von Physikprofessoren geschrieben – auch Lichtenberg betreut auf diese Weise eine Zeitschrift und dürfte während dieser Zeit viele Artikel abgelehnt haben.
Eine überspitzte Darstellung der Unterschiede zwischen Elektrisierern und Wissenschaftlern aus Sicht der Wissenschaftler

Vorführungen

  • Die Eintrittspreise zu den Vorführungen der Wissenschaftler sind recht hoch, so können sich oft nur wohlhabendere Menschen einen Besuch leisten. Vorlesungen müssen meist als ganze Reihe gebucht und im Voraus bezahlt werden.
  • Die Eintrittspreise zu den Vorführungen der Elektrisierer sind moderat, so dass sich viele Menschen den Besuch leisten können. Sich auf dem Markt kurz etwas vorführen oder sich elektrisieren zu lassen, ist für jeden bezahlbar. (s. Bild V)
  • Wissenschaftler haben feste Labore und Vortragsstätten in ihrer Stadt, meist auch ihre festen Instrumentenbauer und Assistenten am Ort.
  • Elektrisierer reisen oft jahrzehntelang herum und tragen an vielen verschiedenen Orten vor. Sie treten dabei auf Markplätzen, Parks/Wiesen, Straßen, Kirchenetc. auf - dazu brauchen sie immer auch Genehmigungen der Stadtverwaltung.
  • Im Laufe der Zeit werden von Professoren mehr und mehr längere Vorlesungsreihen angeboten, in denen die Versuche in einem theoretischen Zusammenhang dargestellt werden. Hier wird versucht, alle bekannten Phänomene der Elektrizität darzustellen und zu erklären. Vorführungen dienen nur der der Auflockerung zwischen belehrenden Abschnitten
  • Die Vorführungen von Elektrisierern sind einmalige Ereignisse und dauern höchstens einige Stunden. Auf Marktplätzen sind es oft kurze „Shows“ oder die Vorführung von einzelnen Geräten zur Belustigung gegen Geld. Sie enthalten meist nur einzelne, unzusammenhängende Darbietungen und es werden auch nur wenige Prinzipien/Phänomene dabei abgedeckt.
  • Die Zuschauer in wissenschaftlichen Vorlesungen oder bei Vorführungen von Wissenschaftlern sind neugierig aus Drang nach Wissen und Erkenntnis, oft sind es Fachkollegen, die sich zur Vorbereitung für eigene Forschungen und Versuche auf den neuesten Stand bringen wollen.
  • Ihre Zuschauer von Elektrisierern sind neugierig aus Drang nach Belustigung, Erstaunen oder Zeitvertreib. Sie haben kein wein weiteres, tiefer gehendes Interesse an Wirkungszusammenhängen, Ursachen oder wissenschaftlichen Theorien. Nur der Pöbel, die niederen Schichten der Bevölkerung versammeln sich bei diesen Vorführungen. (So stellen es die Wissenschaftler zumindest dar!)

Auftreten

  • Elektrisierer treten oft wichtigtuerisch, laut und reißerisch auf (zum Beispiel um auf Märkten Besucher anzulocken). Er reißt Witze und benutzt zweideutige Anspielungen (zu Beispiel beim elektrischen Kuss). Es ist ein gutes Zeichen, wenn die Unruhe und Aufregung bei den Zuschauern groß ist, denn das Ziel ist die Belustigung der Zuschauer.
  • Ein Wissenschaftler tritt ruhig und überlegt auf. Er übertreibt nicht und ist bescheiden. Ein ruhiges Publikum zeigt ihm, dass mitgedacht wird. Staunen ist zwar gut, aber Verstehen ist das Ziel.
    Lichtenberg gibt aber auch zu: „Man muss etwas spielen, der Schläfrige wird dadurch erweck


Echte und falsche Titel

  • Elektrisierer schmücken sich oft mit ausgedachten Titeln (Hochfürstlicher Mechanikus, Kaiserlicher Hofelektrikus, Professor).
  • Wissenschaftler besitzen echte akademische Grade wie „Professor“ oder sind tatsächlich bei Landesfürsten oder in der Stadtverwaltung angestellt.


Ausbildung

  • Elektrisierer haben eher keine Universitätsausbildung und sich noch nicht lange mit der Elektrizität auseinandergesetzt.
    Sie stammten eben oft aus Familien ohne besonderen Reichtum, konnten sich also Schule, Universitätskurse und Geräte nicht leisten.
    Lichtenberg über einen Amateurwissenschaftler: „er hätte Deutschlands bester Physiker sein können, hätte er sich von Jugend an diesem Studium [der Elektrizität] gewidmet“

  • Elektrisierer haben die wichtigen Artikel/Bücher zu Elektrizität nicht gelesen.
    Lichtenberg: „er kennt von physikalischen Schriften nichts als die Titel“
    • Es wäre ihnen durch die mangelnde Bildung schwer gefallen, die Artikel zu verstehen, andererseits sind Bücher zu jener Zeit eine teure Investition. Wissenschaftliche Zeitschriften erhält man nur als Mitglied in den wissenschaftlichen Gesellschaften, die sie verlegen.
    • Es erscheinen auch Bücher, die direkt an Elektrisierer gerichtet sind, wie die „Sammlung electrischer Spielwerke für junge Electriker“ mit 10 Bänden zu jeweils über 100 Seiten. Darin sind viele Abbildungen und ausführliche Anleitungen. Dieses Buch wird allerdings von Wissenschaftlern als „nicht besonders wertvoll“ bewertet und auch nicht weiterempfohlen.
  • Wissenschaftler haben meist eine sehr gute Schulausbildung (oft auch über Privatlehrer) und haben die Universität besucht. Dies ist nur möglich, weil Eltern oder Verwandte genug Geld hatten, ihnen diese Ausbildung zu bezahlen. Außerdem haben wohlhabende Familien meistens eine eigene Bibliothek oder genügen Geld, um sich Fachbücher anzuschaffen.
  • Wissenschaftler meinen, sie überblicken das ganze Feld der Elektrizitätsforschung.
    • Erstens, weil sie sich durch das ausführliche Lesen von alten und neuen Artikeln und Büchern immer auf dem neuesten Stand halten.
    • Zweitens, weil sie sich schon ihr Leben lang mit Naturwissenschaften beschäftigt haben.

Handwerkliches Geschick

  • Elektrisierer sind wie die Instrumentenbauer sehr gute Mechaniker, können mit den Geräten umgehen und ihre Effekte sicher erzeugen.
    Berschitz’ große und komplizierte Aufbauten waren nicht nur teuer, sondern verlangten von ihm sehr viel handwerkliches Können.
    Mehr als das, was sie für ihre Vorführungen benötigen, verstehen sie eher nicht und wissen oft auch nur wenig von der Theorie der Elektrizität („ihr Wissen ist Stückwerk oder Schein, echte Physiker übersehen die ganze Natur“).
  • Wissenschaftler sind häufig auf ihre Instrumentenbauer und Assistenten angewiesen, die handwerklich sehr begabt waren. Lichtenberg war sehr hilflos, als ihn sein langjähriger Assistent verließ und musste schnell einen neuen finden.

Lerneffekt

  • Die Vorführungen der Wissenschaftler enthalten immer auch theoretische Ausführungen und den Anspruch, dass etwas gelernt und behalten wird. Sie sollen also beim Zuschauer dauerhaft etwas bewirken.
  • Die Vorführungen der Elektrisierer liefern nur kurzfristige Belustigung. Ein Lerneffekt ist nicht beabsichtigt und die Vorführungen sind auch nicht so aufgebaut. Außerdementhalten sie eher keine
  • Fachbegriffe, außer um das Publikum zu beeindrucken.

Neuheit und Weiterentwicklung

  • Vorführungen von Wissenschaftlern sind zumindest als Lehrversuche immer wieder durchführbar.
  • Lehrversuche der Wissenschaftler werden weiterentwickelt, um sicherer zu funktionieren und den Zuhörern Bekanntes besser und einsichtiger darzustellen. Neue Versuche in der Forschung werden entwickelt, um damit zu neuen Erkenntnissen zu kommen, zum Überprüfen von Vermutungen, zum Messen usw. – sie sind laut Lichtenberg „für die Theorie sehr wichtig, für das Publikum nicht sehr frappant“

  • Die Vorführungen der Elektrisierer verbrauchen sich, wenn zu viele Menschen sie schon kennen.
  • Elektrisierer verändern bekannte (Lehr)Versuche der Wissenschaftler und machen sie spektakulärer – das zugrundeliegende Prinzip bleibt aber dasselbe. Elektrisierer haben oft nur wenige Versuche, die sie immer wieder vorführen. Sie sind auf neue Anregungen aus der Wissenschaft angewiesen oder auf „Nebenprodukte“ der Forschung, die dort keine Rolle spielen, aber das Publikum interessieren könnten.
    Lichtenberg beschuldigt Elektrisierer und Amateurwissenschaftler, dass sie „entweder nichts taten, oder sich mit Spielereien beschäftigen, und hundert Mal wiederholte Sachen noch einmal wiederholen.“

Nutzen

  • Ein Wissenschaftler hat bei seinen Forschungen den Nutzen für die Allgemeinheit im Sinn. Er hofft darauf, dass seine neuen Erkenntnisse dafür benutzt werden, den Menschen das Leben zu erleichtern.
  • Die Vorführungen der Elektrisierer nutzen der Allgemeinheit nicht, da sie kein neues naturwissenschaftliches Wissen darstellen. Elektrisierer sind auch nicht darauf aus, Nutzen für die Allgemeinheit zu stiften, sondern die Menschen zu beeindrucken.

Zusammenarbeit

  • Die Konkurrenz um die spektakulärsten Vorführungen und das meiste Publikum bringt viele Elektrisierer dazu, die Funktionsweise ihrer Ausbauten streng geheim zu halten, damit kein anderer sie kopieren kann.
  • Für Wissenschaftler sollte es ganz natürlich sein, anderen Forschern genau zu erläutern, wie sie vorgegangen sind oder wie bestimmte Experimente ausgegangen sind. Bei unterschiedlichen Ergebnissen arbeiten Wissenschaftler zusammen, um die möglichen Ursachen zu klären.

Ehrlichkeit

  • Um besonders erstaunliche Effekte zu erzielen, schrecken die Elektrisierer vor Betrügereien nicht zurück.
    Beispiel: Angeblich sollen Funken in eine mit Öl bestrichene Metallplatte ganze Gemälde einbrennen können. In Wahrheit aber wurde das Bild schon vorher in die Platte geritzt und erst am Ende des Versuchs beim Abwischen sichtbar.
  • Um selbstgebaute Instrumente zu verkaufen, nutzen Elektrisierer auch schon einmal die Unwissenheit der Käufer aus.
    Beispiel: Eine Elektrisiermaschine im Haus soll angeblich vor Blitzeinschlägen schützen. Die Zuschauer sollen diese wohl für einen Blitzableiter halten, von dem sie vielleicht schon einmal gehört haben. Die Gefahr von Gewittern wird in den Vorführungen der Elektrisierer stark übertrieben, damit sie den Zuschauern später Blitzableiter verkaufen können.
  • Elektrisierer benutzen elektrische Schläge, um alle möglichen Krankheiten zu heilen, ohne dass klar ist, ob es hilft oder schadet. (s. Quelle 3 sowie Bild VIa,VIb,VII)
    Kommentare von Wissenschaftlern:
    Täglich höre ich doch etwas, was mir beweißt was für ein abscheulicher Windbeutel dieser Berschitz ist.“
    „Er versucht, seine Zuhörer geflissentlich zu täuschen und lässt sich für diese Täuschung bezahlen“
  • Viele Elektrisierer benutzen den Aberglauben ihrer Zuschauer und geben vor, bei den Effekten handele es sich um Magie oder andere, „übernatürliche Phänomene“ um die Spannung zu erhöhen, oder weil sie es selbst nicht erklären können.
    Beispiel: Es werden Séancen abgehalten, um mit den Toten zu kommunizieren (sehr beliebt in der Mitte des 18. Jahrhunderts). Als Zeichen für einen Kontakt erhalten die Teilnehmer elektrische Schläge. Die Elektrisiermaschine ist mit dem Teppich oder dem Tisch verbunden und steht selbst versteckt.
  • Wissenschaftler lehnen magische oder übernatürliche Erklärungen ab. Wenn Wissenschaftler von etwas Übernatürlichem sprechen, dann nur, weil das vorher übernatürlich Erscheinende nun durch die Wissenschaft erklärbar ist.


Die Werbung

  • Elektrisierer nehmen jede Möglichkeit wahr, um auf ihre Vorführungen aufmerksam zu machen. Sie veranstalten Umzüge mit all ihren Apparaturen und Assistenten, verteilen Handzettel und geben Anzeigen in den örtlichen Zeitungen auf.
    Auf den Handzetteln und in den Anzeigen weisen sie immer darauf hin, dass sie schon lange berühmt und bekannt sind und dass sie schon vor hohem oder adligen Publikum vorgetragen haben.
    Sie bitten in jeder Stadt um Empfehlungsschreiben der Stadtverwaltung, die sie in den nächsten Städten vorlegen können, um Vorrang vor anderen Elektrisierern mit weniger Empfehlungen zu bekommen.
  • Wissenschaftler bewerben ihre Vorlesungen durch Handzettel und Anzeigen in den örtlichen Zeitungen. Meist sind es die Zeitungen, die eher von gebildeten Bürgern gelesen werden (z.B. die Allgemeine Litteratur-Zeitung in Jena). Ansonsten verlassen sie sich auf Mund-zu-Mund Propaganda oder verschicken Briefe an Kollegen und Freunde, um private Vorführungen anzukündigen.

Das liebe Geld

Sowohl Wissenschaftler als auch Elektrisierer sind bei ihren Vorführungen auf Zuschauer angewiesen,denn es geht ihnen natürlich auch um die Vortragsgelder. Aber:
  • Für Wissenschaftler sind diese Gelder meist Zusatzeinkünfte. Sie müssen ohne dieses Geld auf Assistenten oder ihre teuren Instrumente, also auf ihre Forschungen verzichten.
  • Für Elektrisierer sind Vorführungen und Apparateverkauf meist ihre einzige Einnahmequelle. Sie müssen nicht selten von diesen Einnahmen sich und ihre Familie versorgen.

5.2 Lernen über die Natur der Naturwissenschaften

5.2.1 Die Konstruktion von Wissenschaftlichkeit – Wer ist Wissenschaftler, was ist Wissenschaft?

Dass „Wissenschaft treiben“ oder „Forschen“ eine ganz spezielle Beschäftigung ist, haben die meisten SuS „im Gefühl“. Was aber nun so Besonderes daran ist, darüber haben SuS meist unklare oder naive Vorstellungen.
Diese Etappe ermöglicht eine Beschäftigung mit einem Zeitraum, in dem sich am Beispiel der Elektrizitätsforschung langsam herausstellte, was Wissenschaft ist und was einen Wissenschaftler ausmacht.
Durch den Streit zwischen den Elektrisierern und den Elektrizitätsforschern entstehen erste klare Kriterien für so etwas wie „Wissenschaftlichkeit“ und seriöse Forschung. Dieser Streit ist ein Konflikt zwischen Unterhaltung und Belehrung, zwischen Scharlatanerie und Glaubhaftigkeit. Diese Kriterien sind nicht vom Himmel gefallen, sondern entstehen in einem durchaus nicht rationalen Aushandlungsprozess. Zum Beispiel auch durch die Beschimpfung der Elektrisierer als Scharlatane, die Herabwürdigung des Publikums als Pöbel, das Behindern der Auftritte von Elektrisierern durch Wissenschaftler, die um den Ruf ihrer Zunft fürchten).
Nach diesem Ansatz müssen gewisse Regeln eingehalten werden, wenn etwas „Wissenschaft treiben“, jemand „Wissenschaftler“ oder etwas „naturwissenschaftliches Wissen“ heißen will. Vor allem sind diese Regeln selbst nicht in Stein gemeißelt, sondern müssen fortwährend auf ihre Nützlichkeit und Funktion geprüft werden.

5.2.2 Die Scientific Community – Abgrenzung und Zusammenarbeit

Eine weitere wichtige Eigenheit der (Natur)wissenschaften, die heute allgemein akzeptiert ist, kann an dieser Kontroverse im Entstehen beobachtet werden: das Vorhandensein einer scientific community – einer Wissenschaftsgemeinde, die manchmal als Parallelwelt der Wissenschaft und Forschung dargestellt wird. Diese Gemeinschaft hat eigene Kommunikationsformen und eigenen Medien (Fachzeitschriften, Konferenzen, Bücher, wissenschaftliche Mailinglisten usw.). Man trifft sich auf internationalen Fachkonferenzen, arbeitet in interdisziplinären Forschungsprojekten zusammen und bildet ein eigenes Netzwerk aus. Man kennt sich und berät sich gegenseitig in den Medien des Wissenschaftsbetriebs - Ländergrenzen spielen heutzutage nur eine untergeordnete Rolle. Schon im 17ten und 18ten Jahrhundert waren Gelehrte stolz, Teil einer eigenen „Res publica literaria“ [http://de.wikipedia.org/wiki/Res_publica_literaria], einer „Gelehrtenrepublik“ zu sein. Sie kommunizierten über Briefe und unternahmen weite Reisen, um sich gegenseitig zu besuchen und zu beraten. Die schon vor der Kontroverse existierenden losen Gemeinschaften von Forschern schließen sich nun immer enger zusammen, wobei die wissenschaftlichen Gesellschaften und Fachzeitschriften eine tragende Rolle spielen – hier kommt nicht jeder rein.Was als seriöse Wissenschaft gilt, wird fortan innerhalb dieser Wissenschaftsgemeinde ausgehandelt und nach außen verteidigt - als Vorlage dienen die Aspekte guter Wissenschaftler, wie sie in Abgrenzung zu Elektrisierer und Amateurwissenschaftlern zutage treten.

6. Zielgruppe, Curriculare Bezüge und didaktische Überlegungen

Diese Fallstudie wurde bereits von Schülern der Klassenstufen 9 und 10 erfolgreich durchgeführt. Auch wenn auf den ersten Blick die Fachinhalte nicht im Vordergrund stehen, so sind sie doch notwendige Voraussetzung und können im Rahmen dieser Fallstudie vertieft und angewendet werden. Ihren klaren Schwerpunkt legt diese Fallstudie aber auf die Vermittlung von Kompetenzen im Bereich Erkenntnisgewinnung, Kommunikation und Bewertung.

6.1 Lernziele & Kompetenzen

Fachwissen

Je nach Auswahl der Experimente und Präsentationsform kann hier die ganze Breite der Fachwissensbezogenen Kompetenzen abgerufen werden. Für manche Schüler bietet der unkonventionelle Kontext dieses Fallstudie erst einen motivierenden Rahmen, um sich nachhaltig mit einigen fachlichen Konzepten auseinander zu setzen.

Erkenntnisgewinnung/Natur der Naturwissenschaften

Die SchülerInnen...
  • legen dar, welche Kriterien früher und heute an Wissenschaftler angelegt wurden und werden.
  • beschreiben die Rolle von Kommunikation unter Wissenschaftlern für den Wissenschaftsbetrieb
  • beschreiben den Entstehungsprozess von Kriterien für Wissenschaftlichkeit als kontrovers, emotional und nie abgeschlossen

Kommunikation

Die SchülerInnen...
  • unterscheiden zwischen vermittlungsorientierten und show-orientierten Präsentationsformen und sind in der Lage dementsprechende Vorträge vorzubereiten und vorzutragen
  • erstellen adressatengerechte Präsentationen unterschiedlichen Typs unter Einbezug von Experimenten/Demontrationen

Bewertung

Die SchülerInnen...
  • erkennen, dass nur das Auftreten nicht unbedingt etwas mit der Qualität von Forschung zu tun haben muss
  • beschreiben die Rolle von externen Faktoren wie Vorbildung, finanzielle Lage, Herkunft usw. für den Wissenschaftsbetrieb
  • unterscheiden zwischen vermittlungsorientierten und show-orientierten Präsentationsformen und schätzen deren Funktionen in Wissenschaft und Gesellschaft realistisch ein
  • grenzen Argumente gegen die Person eine Wissenschaftlers von Argumenten gegen die Qualität seiner Forschung ab

7. Lehr-Lern-Ressourcen

7.1 Experimente

Experimente

Zu diesem Thema bietet sich eine Vielzahl kleiner Versuche an, die unter Beteiligung einiger Schüler und Schülerinnen demonstriert werden können.
Das Grundprinzip aller Versuche ist immer gleich: Ein Mensch steht auf einem elektrisch isolierenden Schemel. Wer keinen besitzt, der kann sich auch mit einem Styropor-Block behelfen.

Der elektrische Kuss (s. Bild I):
Er / Sie wird nun mit einer Elektrisiermaschine elektrisch geladen (Das Aufstellen der Haare kann ein eigener Versuch sein).
Reicht er / sie nun einer geerdeten Person die Hand oder küssen sie sich (Pärchen gibt es ja in fast jeder Klasse), erhalten beide einen elektrischen Schlag.

Das elektrische Feuer (s. Bild II):
Um "elektrisches Feuer" zu entzünden empfiehlt es sich, einen Löffel in Stativmaterial einzuspannen und zu erden. Nun wird ein wenig Dimethylether auf den Löffel gegeben. Die elektrisierte Person nähert sich mit dem Zeigefinger dem Löffel. Wenn ein Funke überspringt, gerät die Flüssigkeit in Brand. Aus diesem Grunde ist es nicht empfehlenswert, den Löffel von einem Schüler oder einer Schülerin halten zu lassen, da sie die brennende Flüssigkeit vor Schreck fallen lassen können.

Benötigtes Material

  • Isolierschemel, ersatzweise Styroporblock oder anderes isolierendes Material, welches dem Gewicht eines Schülers stand hält
  • Elektrisiermaschine
  • Stativmaterial, Löffel
  • Diethylether (ersatzweise auch Alkohol, welcher jedoch schwerer zu entzünden ist)

7.2 Aktivitäten/Aufgaben

Die folgenden Aktivitäten können im Unterricht eingesetzt werden, um den SuS den Konflikt und seine Akteure näher zu bringen. Sie sorgen dafür, dass die SuS die sozialen und emotionalen Seiten des Wissenschaftsbetriebs erleben und damit für ein menschlicheres Bild der Naturwissenschaften.

7.2.1 Erarbeitung der Informationen zur Abgrenzung der Wissenschaftler

In Abschnitt 5.1.3 sind die wichtigsten Kategorien für die Unterscheidung und Charakterisierung von Wissenschaftlern und Elektrisierern schon herausgearbeitet. In Material I sind sie in aufbereiteter Form zusammengefasst.
Die SuS können entweder Material I lesen oder ausgewählte Passagen von Abschnnitt 5.1.3. Um die Ergebnisse der Erarbeitung zusammenzutragen und zu sichern, kann man auf die Methode des Mindmapping zurückgreifen.
Der zentrale Begriff könnte sein "Elektrisierer gegen Wissenschaftler". Die leitenden Fragen für die Entwicklung der Mindmap können sein "Was tun Wissenschaftler wie Lichtenberg, um sich von den Elektrisierern abzugrenzen?" und "Was ist ein guter, was ein schlechter Wissenschaftler?".

7.2.2 Rollenbiographien/Rollentexte/Briefe

Die SuS verfassen in Kleingruppen Texte aus der Sicht einer historischen Person, welche die Elektrisierer-Kontroverse miterleben konnte, zu einem bestimmten Thema.
Grundlage für diesen kurzen Text kann ein Lehrervortrag zum Thema Elektrisierer/Amateurwissenschaftler vs. Wissenschaftler sein, in dem ein Überblick über die beiden Parteien und ihren Streit gegeben wird und/oder das Schülermaterial I. Die Lehrerin/der Lehrer kann zur Einstimmung die unter „Experimente“ dargestellten Versuche im Stil eines Elektrisierers und/oder eines Wissenschaftlers vorführen.
Diese Texte können zum Beispiel als Tagebucheintrag oder als Brief verfasst werden.

Die folgenden Beispiele dienen als Anregung. Sie verweisen jeweils auf die Abschnitte in diesem Material, welche die SuS zur Information und für die Formulierung der Texte heranziehen können.

  • Eine Person, die durch elektrisch-medizinische Behandlung seine Kopfschmerzen kurieren lassen wollte, aber dadurch eine Lähmung im Gesicht bekam.
    • s. Abschnitt 5.1.3 „Ehrlichkeit“
    • als Einleitung aus Sicht des „Doktors“ kann Quelle 3 dienen
    • Bildmaterial zu elektrischen Behandlungen: Bild VIa, VIb, VII
  • Berschitz, der durch Lichtenbergs gefälschten Aushang (oder die Warnung vor seinen Blitzableitern) lächerlich gemacht wurde und nun droht bankrott zu gehen;
    • s. Abschnitt 5.1.3 „Das liebe Geld“, „Zu Berschitz“, „Die Wissenschaftspolizei“
  • Ein Amateurwissenschaftler, der meint er und seine Ergebnisse zur Verbesserung von Elektrisiermaschinen werden nicht ernstgenommen, obwohl sie doch bei der Forschung helfen könnten.
    • s. Abschnitt 5.1.3Die Wissenschaftspolizei“, „Der ideale Wissenschaftler“, "Methoden der Abgrenzung"
  • Lichtenberg, der sich darüber beklagt, dass seine Zuhörer durch die Elektrisierer beeinflusst nur noch unterhalten werden wollen – im Gegensatz dazu Berschitz, der klagt, dass er die Fragen seiner Zuschauer nicht beantworten kann, weil ihm der Weg zur Weiterbildung versperrt war und ist.
    • s. Abschnitt 5.1.3 „Ausbildung“, „Lerneffekt" "Nutzen“, „Die Wissenschaftspolizei“, „Vorführungen“
    • s. Abschnitt 5.1.1 „G.C.Lichtenberg“
Anschließend stellen die SuS ihre Situation und die Vorgeschichte genau vor und tragen ihre Texte in der jeweiligen Rolle vor.

7.2.3 Standbilder

Die SuS erhalten Informationen zu den Hauptakteuren Berschitz und Lichtenberg und zu der Kontroverse um die Elektrisierer (über Material I oder Abschnitt 5.1.1 und 5.1.3). Danach konstruieren sie in Gruppen Standbilder, welche die Hauptakteure in für sie typischen Situationen und Posen darstellen. Man kann auch andere Situationen und Akteure wählen, zum Beispiel die unter 7.2.1 vorgeschlagenen.
Alle wichtigen Informationen zu der Standbild Methode gibt es in Abschnitt 9.1.

7.2.4 Kurzaufführungen

Die SuS erstellen eine Kurzaufführung zu einem kurzen Abschnitt aus der Vorführung eines Elektrisierers und eines Wissenschaftlers (zum Beispiel die Einleitung und das erste Experiment).
Zur Vorbereitung sollte ein kurzer Lehrervortrag zum Konflikt zwischen Elektrisierern/Amateurwissenschaftlern und Wissenschaftlern erfolgen, in dem auch die Vertreter der jeweiligen Lager, Lichtenberg und Berschitz und einige ihrer Eigenheiten/Lebensdaten vorgestellt werden. Dazu kann auch Schülermaterial I dienen.
Die SuS können danach in zwei getrennten Gruppen beispielsweise eine Einleitung zu a) einer Vorlesungsreihe eines Wissenschaftlers wie Lichtenberg und b) einer Vorführung eines Elektrisierers wie Berschitz erstellen und vorführen.
Folgende Leitfragen, die von den SuS im Laufe ihrer Vorbereitung noch beliebig erweitert werden können, erleichtern ihnen das Arbeiten. Die SuS könnten die Tafel als Bühnenbild benutzen, um die wichtigsten Eigenheiten des Vortragsortes zu skizzieren.

Fragestellung
Mögliche Umsetzung in der Aufführung
Wie trete ich auf? Ruhig, laut, überlegt, hektisch, flunkernd, übertreibend, einschüchternd, überheblich…
Wo trete ich auf? Marktstand, Vorlesungssaal, Großvorführung vor der Stadt, in Nebenstraßen, in Privaträumen, …
Warum kann man mich ernst nehmen?
Woher könnte man mich kennen?
Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern, Bücher, andere Vorführungen, wichtige Entdeckungen, wissenschaftliche Artikel in Zeitschriften, Handzettel, Hörensagen, Empfehlungen von Anderen (Von wem?), ...
Was denke ich über Elektrisierer, über Amateurwissenschaftler, über Wissenschaftler?zu theoretisch/langweilig, zu wenig Theorie, Scharlatane, Wichtigtuer, spielt unfair, grenzt sich ab, verdirbt den Ruf, verbreitet Aberglaube, produziert kein neues Wissen, sorgen für Fortschritt, sind ungebildet, ...
Wer ist mein Publikum? (Wie spreche ich es an?)Studenten, andere Wissenschaftler, Bürgermeister, einzelner Marktbesucher, großes Publikum, gebildet, ungebildet, adlig, …
Welche Begriffe benutze ich? Was kann ich (will ich) über Elektrizität sagen?sehr abstrakte Begriffe, ganz einfache Begriffe, erklären was passiert oder nur vorführen, Elektrizität als Magie, Elektrizität ist erklärbar, Nutzen von Elektrizität, Gefahr von Elektrizität…
Was will ich mit der Vorführung beim Publikum erreichen?Wissen vermitteln, beeindrucken, einschüchtern, erstaunen, verängstigen, unterhalten, ...
Biete ich noch weitere Dienste an? Und wenn ja, welche? Reparatur, Verkauf, medizinische Behandlungen, weitere Vorlesungen, weitere Vorführungen,…

7.3 Schülermaterial

Material I


Schülerinformationen zu Lichtenberg, Berschitz und der Elektrisierer-Kontroverse.
Diese Informationen sollten die SuS erhalten, wenn sie eine der unter 7.2 vorgeschlagenen Aktivitäten durchführen.


7.4 Bildmaterial & Medien

Überblick
  • Bild I: Der elektrische Kuss ("venus electrificata")
  • Bild II: Das elektrische Feuer
  • Bild III: Die Bierglas-Elektrisiermaschine
  • Bild IV: Vorführung in einem Pariser Salon
  • Bild V: „Elektrisieren für einen Schilling“
  • Bild VIa und VIb: Das elektrische Bett
  • Bild VII: Behandlung von Zahnproblemen durch Elektrizität.
  • Bild VIII: Elektrische Vorführungen vor einer Abendgesellschaft
  • Bild IX: Anatomische Vorlesung mit praktischen Vorführungen
  • Bild X: Der Hörsaal des Smithsonian Instituts in Washington
  • Bild XI: Elektrisiererstand am Hafen
  • Bild XIIa, XIIb, XIIc: Verschiedene Bauarten der elektrischen Kanone bzw. Pistole
  • Bild XIIIa, XIIIb: Explosives Vorführexperiment mit einem „Donnerhaus“ und ein noch erhaltenes Modell
  • Bild XIV: Regenschirm und Hüte mit Blitzableiter
  • Bild XVa, XVb: a) Titelseite der "Philosophical Transactions" b) Titelseite der Sammlung elektrostatischer „Spielereien“

Bild I: Der elektrische Kuss ("venus electrificata")
the electrical kiss  (electric venus)

Bild II: Das elektrische Feuer - Entzündung einer brennbaren Flüssigkeit mit dem Finger oder einem stumpfen Metallgegenstand. Nach Mathias Bose, ca. 1737.
Der Funke aus der Degenspitze entzündet Alkohol, welchen die Dame links im Bild in einem Löffel bereithält.

ignition through  electricity

Bild III: Die Bierglas-Elektrisiermaschine - Beliebter Verkaufsgegenstand bei Elektrisierern. Von J.H. Winkler, um 1744 Zum Einspannen von normalen Gläsern, auf die dann beim Drehen eine Hand gelegt wird. Beliebt bei Amateurwissenschaftlern, die damit auch zu Hause experimentieren konnten.
bierglas  elektrisiermaschine

Bild IV: Vorführung in einem Pariser Salon – Der an Seidenschnüren aufgehängtem Knabe ist ein gutes Beispiel für einen Versuch, der von Elektrisierern übernommen wurde, da er hohen Anschauungswert hat. Im Rahmen von wissenschaftlichen Untersuchungen tauchte er zuerst bei Stephen Gray um das Jahr 1720 auf.
the flying boy experiment

Bild V:
„Elektrisieren für einen Schilling“ – Darstellung eines herumreisenden Markteletrisierers, der gegen wenig Geld Marktbesucher elektrisiert und „heilende Schläge“ anbietet. Möglicherweise bietet er auch diese Elektrisiermaschine zum Verkauf an oder wirbt um Reparaturaufträge.

ein  elektrisierer bitete kleine elektrische schläge feil

Bild VIa und VIb: Das elektrische Bett - Über eine Elektrisiermaschine wird der Kranke (rechts bzw. oben rechts) in seinem isoliert stehenden Bett elektrisiert. Ein doctor electricus überprüft an verschiedenen Körperstellen die Stärke der Anziehung/Abstoßung und will so Aussagen über den Sitz und die Art der Krankheit machen. Häufig mussten Bedienstete die Geräte bedienen.
a) the electrified bed - medicinal  electricity b) the electrical bed - doctor  electricus at work

Bild VII: Behandlung von Zahnproblemen durch Elektrizität.
shocks against toothache - medicinal  electricity


Bild VIII: Elektrische Vorführungen vor einer Abendgesellschaft in einer englischen Kunstgalerie. Das Publikum ist unordentlich verteilt und scheint nicht sehr bei der Sache, was den Vorführenden als Elektrisierer entlarvt. Auch der Vorführungsort, der zwar Schöngeistigket andeutet, entspricht nicht den ungeschriebenen Standards für wissenschaftliche Vorführungen.

english evening party  enjoying electroical demonstration

Bild IX: Anatomische Vorlesung mit praktischen Vorführungen in einem Hörsaal (um 1780). Sowohl Publikum als auch Örtlichkeit und der Kontext der Vorführungen entsprechen den ungeschriebenen Standards für wissenschaftliche Vorführungen.

anatomical lectures in a 1780 lecture hall

Bild X: Der Hörsaal des Smithsonian Instituts in Washington um 1860. Es wurden zwar auch externe Vorlesungen geduldet, diese sollten aber auf jeden Fall streng wissenschaftlichen Charakter besitzen.

smithsonian lecture hall 1860

Bild XI: Elektrisiererstand am Hafen – Bild von Henry Ritter (1816-1853) [http://www.old-master-drawings.com/lesoublies/Dusseld/HeRitter.htm]
Links kann man noch "Neue große Elektrisier-Maschine" lesen. Das Bild zeigt womöglich rassistische Tendenzen dieser Zeit, denn die farbige Person rechts im Bild soll als Unwissender einen elektrischen Schock erhalten.

electrifying stand  at the harbour. shocking sailors for a few pennies


Bild XIIa, XIIb, XIIc: Verschiedene Bauarten der elektrischen Kanone bzw. Pistole. Sie werden zum Vergnügen der Zuschauer abgefeuert. Meist wird dabei ein Gas hinter dem Projektil mit einem Funken gezündet.

a) electric cannon
b) electric cannon
c) electric pistol

Bild XIIIa, XIIIb: Explosives Vorführexperiment mit einem „Donnerhaus“ und ein noch erhaltenes Modell, welches in Vorführungen benutzt wurde. Daran wurde die Gefahr von Blitzeinschlägen an Modellhäuser vorgeführt, um den Verkauf von Blitzableitern anzukurbeln.
a)thunder  house and thunderstorm analogy
b)thunder house

Bild XIV: Regenschirm und Hüte mit Blitzableiter (um 1778). Beliebter Verkaufsgegenstand auf Märkten und Vorführungen von Elektrisierern
lightning rods for hats and umbrellas around 1778

Bild XVa, XVb: a) Titelseite der "Philosophical Transactions" - der angesehenen Zeitschrift der Wissenschaftler- und Gelehrtengesellschaft "Royal Society".
b) Titelseite der Sammlung elektrostatischer „Spielereien“. Beiträge für die „Spielwerke“ wären sicherlich nie von der Royal Society in die Transactions aufgenommen worden, da sie als „unwissenschaftlich“ gegolten hätten.
a)frontpage  philosophical transactions 1770b)frontapage "electrical  playthings for young electricians" by G.C.Seiferheld 1787

7.5 Weitere Quellen

Quelle I:
Die ersten zwei Bände der "Sammlung electrischer Spielwerke für junge Electriker" (s. Bild XVb) sind einsehbar unter Google Books:
http://books.google.de/books?id=nBs5AAAAMAAJ&printsec=titlepage&dq=sammlung+electrischer+spielwerke&source=gbs_summary_r&cad=0

Quelle 2:
Martin Berschitz hat mit seinen Vorführungen großen Erfolg beim Adel – auch seine Elektrisiermaschinen werden ihm abgekauft. Aus [1]

Quelle 3:
Der Instrumentenmacher Langenbucher beginnt, Elektrizität medizinisch zu nutzen – angeregt von den „herumstreichenden Electrisierern“. Die Hemmschwelle wird herabgesetzt. Aus [1]


8. Schülervorstellungen und Lernhindernisse

SuS werden diesen Konflikt aus ihrer eigenen Erfahrung heraus interpretieren. Jeder von ihnen hat schon einmal Streit mit Freunden oder Eltern gehabt. Es kann passieren, dass die Kontroverse als "nur ein Streit" gesehen wird und dabei die Ursachen und Folgen dieser kontroverse ausgeblendet werden. Man sollte daher immer wieder klarstellen, dass es nicht einfach ein Streit zwischen Wissenschaftlern und Elektrisierern ist, sondern erst im Laufe des Streits klar geworden ist, was überhaupt Wissenschaftler kennzeichnen soll.

9. Methodisch-Didaktische Hinweise

9.1 Ein Standbild bauen

Was ist ein Standbild?
Ein Standbild ist eine mit Körpern von Personen einer Lerngruppe gestaltete Darstellung eines Problems, eines Themas oder einer sozialen Situation. Vor allem können Beziehungen von Personen zueinander sowie Haltungen, Einstellungen und Gefühle verbildlicht werden – und das alles ohne Worte.

Dadurch ist ein Standbild eine metaphorische Aktivität, bei der die Posen der SuS für etwas typisches der darzustellenden Situation stehen. Die SuS müssen dafür die Sitation gründlich analysieren, um all die relevanten Aspekte zu finden und sich auf einige besonders typische zu konzentrieren. Im Zusammenhang mit der Geschichte der Physik könnten die SuS so historische Wissenschaftler in für sie typischen Situationen mimen. Der Wissenschaftler hat vielleicht gerade Probleme mit abweichenden Messwerten oder bereitet sich auf eine wichtige Präsentation vor. Als soziale Situationen, die mehrere Wissenschaftler involvieren, könnten Kollegialität oder Rivalität darstellen sowie typische innerwissenschaftliche Prozesse (Konferenzen, Tagungen, Meetings, Präsentationen etc.). Die Standbild-Methode ist sehr gut geeignet, um Emotionen und soziale Interaktionen in den Naturwissenschaften abzubilden und trägt so zu einem menschlicheren Bild von Wissenschaft bei.

Das Standbild im Unterricht
Ein „Regisseur“ („Bildhauer“ / „Baumeister“) bildet und modelliert Schritt für Schritt aus den Körpern von Mitschülern und Mitschülerinnen ein Standbild.
Damit bringt der Erbauer durch ein „Körperbild" zum Ausdruck, wie er das angesprochene Problem sieht und interpretiert. Die Spieler, die geformt werden, nehmen wie bewegliche Puppen die Haltungen, Mimik und Gestik ein, die ihnen vorgegeben werden.
Die Mitschüler nehmen das Entstehen des Standbildes ohne Worte wahr und können anschließend die Situation diskutieren und möglicherweise verändern bzw. neu gestalten.

Ablauf
  1. Es wird ein Regisseur bestimmt, der die Aufgabe übernimmt, nach seinen Vorstellungen ein Standbild zu erbauen.
  2. Dazu wählt er sich nach und nach Mitschülerinnen und Mitschüler aus, die zu seinen Vorstellungen von seinem Bild, das er vor Augen hat, passen (Aussehen, Größe, Kleidung, Geschlecht).
  3. Diese stellt er in die von ihm gewünschte Position. Ohne Worte verdeutlicht er ihnen, welche Körperhaltung, Gestik und Mimik sie annehmen sollen. Auch die Haltung der Personen zueinander wird gestaltet. Gegenstände aus dem Klassenzimmer können als Elemente einer Kulisse mit verwandt werden.
  4. Die Mitspieler und die Zuschauer verhalten sich absolut passiv. Es wird nicht gesprochen.
  5. Wenn das Standbild fertig geformt ist, erstarren die Mitspieler auf ein Zeichen des Erbauers für etwa eine halbe Minute in der ihnen zugewiesenen Haltung.
  6. Die Zuschauer beobachten das Standbild und lassen es auf sich wirken.
  7. Anschließend wird das Standbild besprochen. Zuerst beschreiben die Zuschauer das Bild und interpretieren es. Anschließend berichten die Mitspieler über ihre Empfindungen und Einschätzungen.
  8. Schließlich wird der Baumeister nach seinen Absichten und Vorstellungen gefragt. Zu Interpretationen der Mitschüler soll er Stellung nehmen.
  9. Die Zuschauer können nun Vorschläge unterbreiten, wie sich diese Absichten durch Verändern des Standbildes eventuell besser umsetzen ließen.

9.2 Die Reflection Corner - Ein methodisches Hilfsmittel zur expliziten Reflektion über die Natur der Naturwissenschaften

Die Reflection Corner ist ein methodisches Hilfsmittel, welches den SuS das Reden über Rolle, Funktion, Bedingungen und Eigenschaften von Naturwissenschaft, naturwissenschaftlichem Wissen und dessen Produktion erleichtern und systematisieren soll.
Sie wird von den SchülerInnen schnell anerkannt und sollte an all den Stellen im Unterricht eingesetzt werden, wo etwas ÜBER Naturwissenschaften und Erkenntnisgewinnung gelernt werden soll.

Alle Infos dazu gibts hier...

10. Forschungs- & Evaluationsergebnisse

Der Lern- und Motivationserfolg dieser Episode hängt stark von der konkreten Umsetzung ab. In einer Erprobung in einer 9./10. Klasse einer Gesamtschule entschieden sich die SchülerInnen, eine Elektrisierervorführung einzustudieren. Sie entwickelten die Dialoge und den genauen Ablauf elbst mit nur geringer Hilfestellung. Dabei haben sie sich auf die hier dargestellten Materialien bezogen und ein durchaus umfassende, fachlich und wissenschaftstheoretisches angemessenes Produkt erstellt.
Auf eigenen Wunsch wurde die Vorführung noch einmal im großen Rahmen im Kontext der Schulentlassfeier aufgeführt. Bei einigen SchülerInnen fiel es zuschauenden Lehrkräften schwer zu glauben, dass sie aus Physikunterricht und aus dem Kontext darstellenden Spiels heraus zu einer derartigen Motivation und sprachlich-darstellerischen Kompetenz fähig sind.
Auch wenn die Rahmenbedingungen selten genau so gegeben sein werden, macht das Ergebnis doch Mut, sich dem Thema Erkenntnisgewinnung in den Naturwissenschaften einmal auf diese Weise zu nähern.

11. Thematische Ressourcen

12. Quellen


[1] Öffentliche Wissenschaft : Elektrizität in der deutschen Aufklärung / Oliver Hochadel. - Göttingen: Wallstein, 2003

[2] Sammlung electrischer Spielwerke für junge Electriker: Mit Kupfertafeln / Georg Heinrich Seiferheld : Nürnberg, bei G.P. Monath, 1787
Die ersten zwei Bände einsehbar unter Google Books:
http://books.google.de/books?id=nBs5AAAAMAAJ&printsec=titlepage&dq=sammlung+electrischer+spielwerke&source=gbs_summary_r&cad=0

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